Mont-Saint-Michel

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Die Frühgeschichte

Bis zur Bronzezeit, etwa 2000 v. Chr., war der Felsenhügel von Mont-Saint-Michel umgeben von einem sumpfigen Wald. Historiker waren auf ein großes Waldgebiet namens Scissy gestoßen, das bis weit in die heutige Bucht gereicht haben soll. Einer Legende nach wurde das Land um den Hügel zu Beginn des 8. Jahrhunderts durch eine gewaltige Welle überflutet, die der Bucht ihre heutige Form verlieh. Rückstände von Bäumen im sandigen Untergrund können diese Überlieferung möglicherweise bestätigen. Der Meeresspiegel stieg und der Felsenhügel entwickelte sich zu einer Gezeiteninsel. Vor der Christianisierung wurde er „Mont-Tombe“ genannt, ein Name, der sich aus „Berg“ (französisch: mont) und „Grab“ (französisch: tombe) zusammensetzte: Hügelgrab.

Der Mont-Saint-Michel und der St Michael’s Mount haben viele Gemeinsamkeiten. Man kann davon ausgehen, dass ihre Besiedlungen in der Frühgeschichte ähnlich verlaufen sind. Nur ist der Mont-Saint-Michel in seiner Größe und heutigen Bebauung um einiges imposanter. Sein Granitfels ist mit etwa 100 Metern doppelt so hoch wie der in Cornwall und mit der Klosteranlage ragt er bis zur Kirchturmspitze nahezu 170 Meter in die Höhe.

Die Stegbrücke

Nachdem man den Mont-Saint-Michel 1979 zum Weltkulturerbe erklärt hatte, wurde 1987 auch die Bucht aufgenommen. Dadurch wuchs der Wunsch, den ursprünglichen Inselcharakter der Klosteranlage wiederherzustellen, der durch einen 1885 errichteten nicht überflutbaren Damm aufgehoben wurde. Auch hatten Untersuchungen ergeben, dass die Bauwerke langfristig zu kippen drohten, weil der Fluss Couesnon, bedingt durch den Damm, die Insel nur noch einseitig umströmte. Und so wurde er im Verlauf der Umgestaltung (2011-2014) wieder abgetragen und durch eine Stegbrücke ersetzt. Seitdem kann der Fluss wieder ungehindert in zwei Armen um die Insel herum in die Bucht fließen. Eine 120 Meter lange Furt, die bei Springflut unter Wasser steht, verbindet das Ende der Brücke mit dem Mont und erhält ihn so als Insel.

Wie zuvor der Damm erlaubte die Brücke einen von Ebbe und Flut unabhängigen Transfer von Touristen auf die Insel, ganz im Interesse der Geschäfte, Restaurants und Hotels. Am Morgen kommen die Busse im 30-Sekunden-Takt angefahren und können mehrere Tausend Touristen pro Stunde anliefern. Sie haben vorne und hinten eine Fahrerkabine und müssen nicht einmal wenden. Die Fahrer wechseln lediglich ihre Plätze, bevor sie wieder zurückfahren. Der Transfer ist kostenlos und in den Parkgebühren enthalten.

Das Torii

Ein rotes Tor mit der Inschrift „10 ANS“ weist auf ein 10-jähriges Jubiläum hin. Seit dem 16. Mai 2009 besteht eine Städtepartnerschaft zwischen dem Mont-Saint-Michel und Miyajima, einer japanischen Insel in der Nähe von Hiroshima.

Unmittelbar vor der japanischen Insel wurde 593 ein Tempel, der Itsukushima-Schrein, auf Stelzen errichtet, der seit 1996 zum Weltkulturerbe gehört. Das rote Tor vor dem Mont-Saint-Michel ist eine Nachbildung des Torii, das vor dem Itsukushima-Schrein im Watt errichtet wurde, und eine der bekanntesten Touristenattraktionen Japans ist. Bei Flut hat man den Eindruck, dass die Torii über dem Wasser schweben.

Etwa hundert Jahre nachdem der ursprüngliche Tempel in Japan entstanden war, soll nach einer Überlieferung im Jahr 708 Aubert, Bischof von Avranches, der Erzengel Michael in einem Traum erschienen sein und verlangt haben, auf der nahe gelegene Felseninsel eine Kirche zu errichten und ihm zu widmen.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit mit der Geschichte des Tempels in Japan, der sein heutiges, äußeres Erscheinungsbild Taira no Kiyomori verdankt. Jener hatte 500 Jahre später ebenfalls einen Traum, in dem ihm ein alter Mönch die Herrschaft über Japan versprach, wenn er den Tempel wieder aufbauen würde. Der ambitionierte Kiyomari zögerte nicht lange und finanzierte die Renovierung.

Die Gründung der Abtei

Dagegen glaubte Bischof Aubert einer Einbildung zu unterliegen. Also erschien ihm der Erzengel ein weiteres Mal im Traum und forderte ihn auf, die Kirche an der Stelle zu errichten, wo man einen gestohlenen Bullen wiederfinde. Als der Bulle dann tatsächlich auf der Felseninsel gefunden wurde, erschien Michael ein drittes Mal. Er ordnete an, dort eine Kirche, nach dem Vorbild der Grottenkirche San Michele im Monte Gargano, in eine Höhle zu bauen. Ein weitere Legende berichtet gar, dass Michael mit einem Finger ein Loch in den Schädel des Bischofs bohrte, um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Erst danach soll Aubert die Weisungen des Erzengels Ernst genommen haben. Auf der Suche nach einer Höhle mussten zunächst zwei riesige Felsblöcke entfernt werden. Zwar wurde eine Quelle entdeckt, aber eine Höhle fand man nicht. Jedenfalls begann man mit den Bauarbeiten für die Kirche. Zugleich entsandte Aubert zwei Geistliche nach Italien, um dort Reliquien des heiligen Michaels vom Monte Gargano mitzubringen. Sie kehrten zurück mit einem Stück des purpurroten Mantels, den der Erzengel dort hinterlassen haben soll und mit einem Fragment des Altars, auf dem er erschienen war.

Urkundlich wurde der Bischof zum Begründer der ersten Abtei auf dem Mont-Saint-Michel durch die Revelatio Ecclesiae de Sancti Michaelis, ein Dokument, von dem nur eine Kopie aus dem 14. Jahrhundert erhalten geblieben ist, dessen Original aus dem 9. Jahrhundert stammen soll.

Der Bau der Abtei im Laufe der Geschichte

Die heutige Anlage ist das Ergebnis eines Bauprozesses, der sich über viele Jahrhunderte und unterschiedliche Stilepochen hinzog. Von dem einstmaligen Bauwerk Auberts ist nichts mehr erhalten. Mit einem Neubau der Abtei im romanischen Stil wurde im 11. Jahrhundert begonnen. Sie wurde über drei Ebenen um die Kuppe des Hügels errichtet. Nach zahlreichen Einstürzen und Bränden wurde das Chor der Kirche in der oberen Ebene durch einen Neubau (1446–1521) im spätgotischen Stil ersetzt. Nach einem Blitzeinschlag im Jahr 1776 musste die Westfassade abgerissen werden und wurde im klassizistischen Stil neu errichtet. Unterhalb der Abtei schmiegen sich die Häuser des Dorfes mit ihren Geschäften, Restaurants und Hotels um den Hügel. Geschützt werden Abtei und Dorf von einem Festungswerk, das die Insel umgibt. Die Mauern und Türme entstanden größten Teils zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus Anlass des Hundertjährigen Krieges (1337-1453). Und so blieb die Insel in jener Zeit selbst nach einer 30-jähriger Belagerung uneinnehmbar für die Engländer.

Pfarrkirche Saint-Pierre

Über die Stegbrücke und die anschließende Furt gelangt man zum Haupteingang auf der Südseite der Insel. Nachdem man drei Tore durchschritten hat, verdichtet sich der Besucherstrom in einer schmalen Gasse, die den Namen „Grande Rue“ früher vielleicht einmal zu Recht getragen haben mag. Im Ansturm der Massen auf den Hügel und im Rückstrom der Besucher geht es heutzutage nur stockend voran. Die Schlangen vor den Läden für Getränke, Baguette, Croque Monsieur, Crêpes, Galettes, Kuchen, Süßigkeiten und Eiskreme reichen bis in die Gasse und sorgen für weiteren Rückstau. Wer sich zwischendurch dem Gedränge entziehen möchte, dem bleibt als einzige Flucht der Besuch eines geräumigen Andenkenladens oder eines Restaurants, sofern dort ein freier Platz zu finden ist.

Der Andrang von 120 Pilgern auf Skellig Michael und der Andrang von 6.000 Tagesbesuchern auf St Michael’s Mount an einem Sommertag sind nichts gegen den täglichen Ansturm von bis zu 15.000 Menschen auf Mont-Saint-Michel. Mit 2,3 Millionen Besuchern pro Jahr zählt der Ort zu den zehn meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Frankreich.

Über die Grande Rue erreicht man nach 200 Metern die Pfarrkirche Saint-Pierre (14., 15. und 17. Jh.). Dem Herdentrieb folgend, laufen die meisten Besucher daran vorbei. Für einen Pilger über die Achse des Lichts aber ist die kleine Kirche am Rande der Grande Rue der erste Anlaufpunkt. Auch wenn die Kirche ihren ursprünglichen Namen beibehalten hat, so ist sie seit dem 19. Jahrhundert dem heiligen Michael gewidmet. Als Pilger begegnet man hier dem Erzengel auf halber Strecke in den Himmel, der prächtigen Abteikirche auf der Spitze des Hügels..

Vor dem Eingang in die Pfarrkirche wacht Jeanne d’Arc (1412-1431), die Jungfrau von Orléans. Bereits im Alter von dreizehn Jahren hatte sie ihre ersten Visionen und hörte Stimmen von Heiligen. Der Erzengel rief ihr zu: „Ich bin Michael, der Schutzherr Frankreichs. Erhebe dich und eile dem französischen König zu Hilfe.“ Mit sechszehn Jahren verließ sie im gleichen Alter wie Greta Thunberg das Elternhaus und führte bereits ein Jahr später die Truppen in Orléans siegreich aus der Belagerung durch die Engländer. Daraufhin wurde sie 1429 von Karl VII gesalbt und ihr Vater wurde als Zeichen der königlichen Dankbarkeit von der Steuer befreit.

Bald darauf aber wandte sich der König wieder ab von ihr. Während er in einem Friedensvertrag das Land zwischen sich und den Engländern aufteilte, bestand Jeanne d’Arc darauf, sie vollständig aus dem Land zu vertreiben. Und so wurde sie von ihren eigenen Landsleuten verraten und an die Engländer ausgeliefert, die unter Leitung des Bischofs von Beauvais gegen sie einen Hexenprozess führten.

Jeanne war so redegewandt wie heute Greta. Auf die Fangfrage „Jeanne, seid ihr gewiss, im Stande der Gnade zu sein?“ antwortete sie  „Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott dahin bringen, wenn ich es bin, möge mich Gott darin erhalten!“. Wie zu erwarten war, wurde sie schuldig gesprochen und als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1920 wurde sie als Märtyrin von Papst Benedikt XV heiliggesprochen.

Es gibt in der Geschichte viele ähnliche Beispiele, wie die Herrschenden mit außergewöhnlichen Menschen umgegangen sind. Anfangs werden zu Heiligen gemacht. Werden sie unbequem, landen sie auf dem Scheiterhaufen. Später, nachdem sie gestorben und nicht mehr gefährlich für die herrschende Ordnung sind, werden sie verehrt oder heiliggesprochen.

Ursprünglich wurde die Pfarrkirche Saint-Pierre als Grabstätte für Bischof Aubert gebaut. Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert wurde sie mehrfach umgebaut und umgestaltet. Aus jener Zeit stammt auch das farbenprächtige Kirchenfenster mit einer Szene aus der Johannes Offenbarung, Kapitel 12, in der eine Frau und ihr Kind durch den Erzengel Michael vor dem Drachen geschützt werden.

Der Erzengel Michael ist in einer monumentalen Statue aus silbernen Lamellen in der Pfarrkirche vertreten. Als römischer Krieger dargestellt, der den Drachen tötet, schwingt er ein Flammenschwert in seiner rechten Hand und hält den Schild in seiner linken. Die Statue samt silbernem Altar, über dem sie thront, ist das Heiligtum der Verehrung Michaels. Es wurde 1885 von der Abtei nach Saint-Pierre umgezogen, wodurch auch der Michaelkult nach dorthin verlegt wurde. Die ursprüngliche sehr wertvolle Krone auf dem Haupt des Erzengels wurde von dem Pariser Goldschmied Mellerio mit Juwelen verziert, die reiche Pilger gespendet hatten.

Die meisten Opferspenden fallen bescheidener aus und beschränken sich auf ein Stück Wachs, um damit die Kirche zu erhellen.

Die Pilger

Ein unablässiger Strom neuzeitlicher Pilger fließt durch die Grande Rue, die in den großen äußeren Treppenaufgang übergeht. Über den großen äußeren Treppenaufgang geht es entlang der hohen Außenmauer des Klosters weiter aufwärts bis zum Ticketverkauf. Mit der Eintrittskarte erhält man dort auf Wunsch auch einen Kopfhörer mit einer Audio-Tour, der mit einer Hand bedient werden kann.

In der Verkaufshalle steht eine weitere Statue des heiligen Michael. Sie ist ein lebensgroßes Modell der Figur auf der Spitze des Kirchturms. Das Original wurde aus getriebener und vergoldeter Bronze gefertigt, wiegt etwa 500 kg und hat eine Höhe von 4,50 Meter. Geschaffen wurde es von Emmanuel Fremiet und im Jahr 1897 installiert.

Der Rundgang startet über den großen inneren Treppenaufgang, der zwischen den Kirchenfundamenten und dem Klostergebäude verläuft. Unzählige Prozessionen von Pilgern sind dort zur Abteikirche hochgezogen. Die Treppe endet auf der Westterrasse, von wo die Pilger durch das Westportal in die Abteikirche strömen.

Der erste bekannte Pilger war ein fränkischer Mönch namens Bernhard. Im Anschluss an eine Wallfahrt nach Rom machte er sich um 867-868 auf den Weg zum Monte Gargano, dem angeblichen Vorbild für Auberts Klostergründung, und pilgerte von dort aus bis um Mont-Saint-Michel.

Nach den Berichten über Wunderheilungen nahm die Zahl der Pilger im 11. Jahrhundert deutlich zu. Vom 14. Jahrhundert bis zur französischen Revolution gab es Wallfahrten sogenannter „kleiner Hirten“, Kinder und Jugendliche, die von zu Hause fortliefen und sich unter der Führung Älterer um die Banner ihrer Heimatstädte sammelten. Viele von ihnen verhungerten unterwegs oder starben an Krankheiten oder Erschöpfung.

Der Andrang vor dem Heiligtum war zeitweilig so stark, dass Pilger von der Menge erdrückt wurden. Allein im Jahr 1318 starben so 13 Menschen. 18 Pilger ertranken auf dem Weg durch die Bucht und 12 weitere versanken im Treibsand. Ein normannisches Sprichwort sagt deshalb nicht ohne Grund: „Gehst du nach Saint-Michel, vergiss nicht, vorher dein Testament zu machen.

Der Mont-Saint-Michel zog nicht nur arme, sondern auch einflussreiche und wohlhabende Pilger an. Sie hinterließen großzügige Spenden, die es der Abtei ermöglichten, sich rings um die Bucht ein riesiges Anwesen anzueignen. Die hochherrschaftlichen Pilger wurden getrennt von den Armen in eigenen Räumlichkeiten fürstlich empfangen, reichlich bewirtet und komfortabel untergebracht.

An zwei Festtagen strömen noch heute zahlreiche Pilger zu den Michaelheiligtümern. Am 8. Mai feiern sie die Erscheinung des Erzengels in der Höhle des Monte Gargano. Am 29. September 493 wurde die Michaelskirche an der Via Salaria in Rom von Papst Gelasius I eingeweiht, der den Michaelistag, den Tag zur Verehrung des heiligen Michaels, auf den 29. September legte. Karl der Große (747-814) wählte Michael zum Schutzheiligen seines Kaiserreiches und verfügte 813, dass der Michaelistag im ganzen Reich gefeiert werden sollte. Seitdem trug das Reichsbanner das Bildnis des Erzengels mit der Aufschrift: „Ecce Michael, Princeps magnus, venit in adiutorium mihi“ [Seht Michael, der große Fürst, er kommt mir zu Hilfe].

In der Abteikirche

Beim Eingang durch das Westportal fällt der Blick zunächst auf das spätgotische Chor, das nach Einsturz des romanischen Chors mit den neuesten Techniken des 16. Jahrhunderts wiederaufgebaut wurde. Im Blick zurück auf das Westportal zeigt sich das romanische Mittelschiff.

Links vor dem Chor findet man eine Statue des Erzengels aus dem 15. Jahrhundert, dargestellt mit einer Lanze und einer Waage. Der heilige Michael ist nicht nur ein Krieger, der mit Schwert oder Lanze und Schild erfolgreich das Leben gegen die Mächte des Bösen verteidigt und schützt. Er hält auch die Waage, auf der die Seele eines Menschen nach seinem Tode gewogen wird. Dabei zeigt sich, ob ihre gute oder böse Seite überwiegt. Im Alten Testament heißt es: „Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld!“ (Hiob 31, 6)

Der Seitenaltar hinter dem Hauptaltar dient als geschützter Ort der Andacht, wo um Ruhe gebeten wird und Fotografieren untersagt ist.

Durch das Nordportal der Kirche geht der Rundgang weiter durch den gotischen Kreuzgang und danach in das Refektorium, den Speisesaal der Mönche.

Die Benediktiner

Im Jahr 966 übergab der normannische Herzog Richard II die von Aubert errichtete Kirche an die Benediktiner. Die Mönche erbauten an jenem Ort eine neue zweischiffige Kirche, die der heiligen Maria, Mutter Gottes, gewidmet wurde: Nôtre-Dame-sous Terre (siehe weiter unten).

Der Orden der Benediktiner geht zurück auf den heiligen Benedikt. Als Einsiedler wurde er inspiriert durch das Eremitentum im oströmischen Reich und übertrug dessen Ideen in den Westen. Im Jahr 529 gründete er die Abtei Montecassino bei Neapel in einem Apollotempel, eine bemerkenswerte Verbindung des Christentums zu Apollon. Benedikt war der erste, der dem Mönchtum ein festes Regelwerk, die Regula Benedicti, verlieh. Es war geprägt durch Armut, Keuschheit und Gehorsam gegenüber dem Abt. Die Mönche lebten hinter den Klostermauern abgeschieden vom Rest der Welt. Das Bild der Wüste, in die sich die ersten christlichen Mönche in Ägypten zurückgezogen hatten, wird aufgegriffen von Victor Hugo in seinem Roman 1793: „Der Mont-Saint-Michel ist die Pyramide dieser Meereswüste.“

Viele Mönche kamen aus Adels- oder Ritterfamilien, deren Bestimmung es eigentlich gewesen wäre, in einer Armee zu dienen. Und manch einer zog sich im Alter dorthin zurück, um sich auf den Tod vorzubereiten und dort bestatten zu lassen. Ihr Privatbesitz ging mit Eintritt in den Orden über in den Besitz der Abtei. Dem einzelnen Mönch gehörte nichts, der Gemeinschaft alles. Ihr Tagesablauf war durch Beten und Schreiben bestimmt. Die Mönche verwalteten eine Bibliothek und waren mit dem Kopieren und Ausschmücken von Schriften beschäftigt. Dabei beschränkten sie sich nicht nur auf Glaubensschriften, sondern befassten sich auch mit Werken der Antike. Heute befinden sich die Manuskripte der Abtei im Scriptorial in Avranches.

Während der französischen Revolution (1789-1799) wurden die Mönche vertrieben und die Abtei aufgelöst.. Von da an bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts diente die Anlage als Gefängnis, vor allem für politische Häftlinge. Zur Tausendjahrfeier der Abtei im Jahr 1966 wurde sie den Benediktinern wieder zurückgegeben. Die Statue des Erzengels Michael in der Abteikirche war ein Geschenk des Festausschusses anlässlich dieses Ereignisses. Obwohl die Klosteranlage heute in staatlichem Besitz ist, bewahren die Brüder und Schwestern der Gemeinschaften von Jerusalem, die im südlich gelegenen Abtgebäude leben, seit 2001 die spirituelle Bestimmung des Ortes.

Im Inneren der Klosteranlage

Vom Refektorium aus führt der Rundgang weiter in die beiden darunterliegenden Stockwerke und es geht durch eine nicht enden wollende Folge von Sälen bis zum Ausgang.

Notre-Dame-sous-Terre

Im Herzen der Klosteranlage befindet sich eine von den Benediktinern errichtete Kirche Nôtre-Dame-sous-Terre (Unsere Liebe Frau unter der Erde). Sie wurde erst vor etwa hundert Jahren wiederentdeckt und ist heute (2019) für Besucher nicht zugänglich. Der rechteckige, ungefähr 13 Meter lange und 11 Meter breite präromanische Kirchenraum besteht aus zwei parallelen Schiffen mit eigenen Altären, die durch eine von zwei Arkaden durchbrochene Wand voneinander getrennt werden. Mit der Altar-Inschrift „Virgo Maria mater Die“ [Jungfrau Maria, Mutter Gottes] ist das linke Schiff Maria gewidmet. Der Altar des rechten Schiffes trägt die Inschrift „Gloria tibi, Trinitas aequalis, una Deitas, et ante omnia saecula, et nunc et in perpetuum“ [Ehre sei dir, immer gleiche Dreieinigkeit, einzige Gottheit, auch vor aller Zeit, nun und in Ewigkeit] und ist der Dreifaltigkeit geweiht.

Nach einer Überlieferung wurde die ursprünglich frei liegende Kirche am Standort der ersten Kirche Bischof Auberts errichtet. Im 11. Jahrhundert wurde sie überbaut durch das romanische Mittelschiff der heutigen Abteikirche.

In der Krypta der „Dicken Pfeiler“ (siehe weiter oben), abseits von Nôtre-Dame-sous-Terre, wurde 1863 nach der Schließung des Gefängnisses eine Schwarze Madonna mit dem Namen Nôtre-Dame-du-Mont-Tombe aufgestellt, die von Pilgern bereits vor der Französischen Revolution verehrt wurde. Einem Schild auf dem Sockel entnimmt man weiter, dass die Madonna an zwei Marienkapellen in der Klosteranlage erinnern soll: Nôtre-Dame-sous-Terre und Nôtre-Dame-des-Trente-Cierges.

Übersetzt man die lateinische Inschrift auf einer weiteren Tafel des Sockels, die offenbar zehn Jahre später angebracht wurde, so steht dort: „Gesegnete Jungfrau Gottes des Mont-Tombe. Sie zerschmetterte den Kopf der alten Schlange, 1873.“

Befand sich auf dem Mont-Tombe ursprünglich eine heidnische Kultstätte mit einem Hügelgrab, wie der Name nahelegt? In der Legende heißt es, dass man zwei riesige Felsblöcke entfernen musste, bevor die Kirche Auberts an jenem Ort errichtet werden konnte. Stand dort ein Dolmen? War Nôtre-Dame-sous-Terre die erste errichtete christliche Kirche auf dem Mont-Tombe und hatte Bischof Aubert dort zuvor überhaupt eine Kirche bauen lassen? Selbst Experten sind sich in diesen Fragen nicht sicher, auch was die Bauzeit von Nôtre-Dame-sous-Terre betrifft, die zwischen 890 und 1020 geschätzt wird (vgl:  Annales de Normandie 2015/1 pp. 153-182). Sind die auf Aubert bezogenen Michael-Legenden erfunden worden? Nicolas Simonnet, ein Experte der „Revelatio ecclesiae sancti Michaelis“, der einzigen Quelle für alle Erzählungen über die Gründung des Mont-Saint-Michel, kommt zu dem Ergebnis, dass bereits die Figur des Bischofs Aubert erfunden sein dürfte (vgl. Annales de Bretagne et des pays de l’Ouest /  Année 1999  106-4  pp. 7-23).

Die Überlieferungen führen zu Spekulationen darüber, was wirklich geschah. Doch ist in den Legenden oft ein wahrer Kern enthalten. Er bestätigt sich durch Muster, die sich in den Geschichten verschiedener Orte wiederholen. Ein solches Muster ist eine Kirchengründung an einem Ort mit einem Hügel, einer Höhle, einer Quelle und einem Bullen, die auf eine heidnischen Kultstätte hinweisen könnten. Wird in einer Kirche heute noch eine Schwarze Madonna verehrt, dann ist das ein weiterer Hinweis darauf, dass sich dort das Heiligtum einer heidnischen Muttergöttin befunden haben könnte, bevor es von Christen überbaut und umgewidmet wurde.

Im Konzil von Ephesus im Jahr 431 sahen sich die Kirchenväter gezwungen, den Menschen, die weiterhin an einer Muttergöttin festhielten und sie verehrten, mit der heiligen Maria, Mutter Gottes, einen christlichen Ersatz zu geben (vgl. artedea: Maria – Christliche Himmelsmutter, allumfassende Muttergöttin).

In vielen antiken Kulturen wurde eine Muttergöttin (Erdgöttin, Mutter Erde, Große Göttin) als Getreidegöttin, Korn-, Mais- oder Reismutter verehrt. Im zyklischen Jahresverlauf einer ackerbäuerlichen Kultur wandelte sie sich gemäß ihrer Dreifaltigkeit von einer weißen, zu einer roten und schließlich zu einer schwarzen Göttin und wurde im darauffolgenden Jahr als weiße Göttin wiedergeboren (vgl. artedea: Die dreifachen Göttinnen).

Maria ersetzte die Muttergöttin in diesen drei Aspekten:

  • Die weiße Göttin der zunehmenden Mondsichel, die ersten Triebe, die durch die weiße Schneedecke brechen und den Frühling ankündigen, die wiedergeborene und wachsende Mutter Erde: Maria, die unbefleckte Jungfrau.
  • Die rote Göttin des Vollmondes, die Glutröte des Hochsommers, die reife, gebärende und nährende Mutter Erde: Maria, die Mutter Gottes.
  • Die schwarze Göttin des Neumondes, die Dunkelheit des Winters, die ruhende weise Mutter Erde, aus der im Frühling alles wieder hervorgeht, geheimnisvoll, magisch und unberechenbar: Maria in der Gestalt der Schwarzen Madonna

Einzig der schwarze Aspekt, die nicht kontrollierbare und unabhängige weibliche Natur einer Muttergöttin, passte nicht in die patriarchalische Ideologie der christlichen Kirche. Sie verleugnete, verdrängte und unterdrückte diesen Aspekt weiblicher Spiritualität, bis er mit der Zeit verblasste. In den Schwarzen Madonnen aber blieb er bis heute symbolisch erhalten.

Abschluss des Rundgangs

Was bleibt von jenen unteren Ebenen, ist der Eindruck einer machtvollen, gewaltigen und monumentalen Klosteranlage, die nicht nur die Mönche, sondern auch die vielen armen und wenigen reichen Pilger im Laufe der Jahrhunderte ihrem Stand entsprechend beherbergte, und in der weiter unentdeckte Geheimnisse ihrer Geschichte verborgen sind.

Rund um den Mont-Saint-Michel

Die Kapelle an der Westseite ließ Bischof Aubert errichten, wo er auf seinen Wunsch bestattet wurde. 1012 wurden seine Gebeine dort aufgefunden und in einem neuen Schrein beigesetzt. Sein durchbohrter Schädel ist heute als Reliquie in der Schatzkammer der Basilika Saint-Gervais in Avranches aufbewahrt. 

Westlich vom Haupteingang auf die Insel befindet sich der Gabriel-Turm mit einer Anlegestelle für Boote. Seinen Namen erhielt er nicht etwa zu Ehren des gleichnamigen Erzengels, sondern von Leutnant Gabriel du Puys, der ihn 1524 als Verteidigungsturm auf der Westseite erbauen ließ. Ein Jahrhundert später wurde eine Mühle auf seiner Spitze errichtet und Ende des 19. Jahrhunderts diente er als Leuchtturm, um Schiffe flussaufwärts in den Couesnon zu leiten.

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