Die Kathedrale Saint-Julien

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Über den Namenspatron der Kathedrale von Le Mans, Saint-Julien, weiß man nur wenig Verlässliches. Angeblich wurde er Ende des 3. Jahrhunderts in Rom geboren, wuchs in einer adeligen Familie auf, wurde vom Papst zum Bischof ernannt und nach Frankreich in die Region zwischen Tours und Le Mans entsandt, um dort die Cenomanen zu evangelisieren. Aus der Bischofs-Chronik geht hervor, dass Julien von 301 bis zu seinem Tod im Jahr 348 der erste Bischof von Le Mans war. Seine Gebeine befanden sich zunächst in der heutigen Kirche Notre Dame du Pré und wurden im 9. Jahrhundert in die nur 200 Meter entfernt liegende Kathedrale überführt. Erst dann wurde Saint-Julien ihr Namensgeber.

Im 4. Jahrhundert soll Julien eine erste Kirche an dieser Stelle errichtet haben, die er der Jungfrau Maria und den Mailänder Heiligen Gervais und Protais weihte. Unter Bischof Aldric (reg. 832-856) wurde der Neubau einer großen karolingischen Kirche vollendet und 834 eingeweiht. Die archäologisch nachvollziehbare Baugeschichte, die zur heutigen Kathedrale führte, begann jedoch erst im 11. Jahrhundert und zog sich bis ins 15. Jahrhundert hin (vgl. Flyer der Kathedrale).

Die Kathedrale ist ein eindrucksvolles Beispiel für den Übergang von der Romanik zur Gotik mit einem romanischen Langhaus und Turm sowie einem gotischen Chor. Ungewöhnlich für die Gotik ist ihre Ausrichtung von Nordwest nach Südost, jedoch war sie durch die Bauabschnitte in der Romanik bereits vorgegeben.

Das Langhaus wurde im 11. und 12. Jahrhundert in der typisch romanischen Basilika-Form mit Rundbogenarkaden und Gängen zu beiden Seiten erbaut.

Mit dem gotischen Chor begann man Anfang des 13. Jahrhunderts in der Tradition der Bauschule von Bourges, die sich seit 1195 in Konkurrenz zu Chartres entwickelt hatte. Der Chor besitzt ein Strebewerk, das auf den ersten Blick an Bäume erinnert. Zusammengehörige Pfeiler vereinen sich mit ihren Bögen auf dem Weg zum Dachgewölbe wie gewaltige Stämme zu einem riesigen Blätterdach. Die Konstruktion lässt das Innere der Kathedrale von Licht durchfluten und die zahlreichen farbigen Kirchenfenster sorgen im Zusammenspiel mit der Sonne für zauberhafte Lichteffekte.

Im Querhaus vollzieht sich der Übergang vom romanischen Langhaus zum gotischen Chor. Es wurde im letzten Bauabschnitt am Ende des 14. Jahrhunderts fertiggestellt.

Die Erhabenheit und Mannigfaltigkeit der Kathedrale, die farbigen Malereien aus Licht, die sich fortwährend wandeln auf Wänden und Pfeilern, sind überwältigend. Die Kathedrale erweckt den Eindruck eines von magischem Sonnenlicht durchfluteten Hains. Wie muss sie nur auf die Menschen im Mittelalter gewirkt haben!

Die größte und prächtigste Seitenkapelle am Ende des Chores ist der heiligen Maria gewidmet. Umgeben von farbenfrohen Kirchenfenstern thront sie auf einem reich verzierten Holzaltar unter einem filigran geschnitzten Baldachin, trägt das Jesuskind in ihren Armen und hat demütig den Kopf gesenkt. Umhüllt wird sie von einem blauen Mantel, der mit Sternen übersät ist. Im tiefroten Deckengewölbe über ihr schwebt ein himmlisches Orchester aus 47 musizierenden Engeln in schimmernden Farben, von denen jeder ein anderes mittelalterliches Instrument spielt. Die Deckenmalereien aus dem 14. Jahrhundert wurden erst 1842 unter einer Gipsschicht wiederentdeckt und gelten heute als Höhepunkt gotischer Malerei.

In den Aufzeichnungen von Bischof Innocent (532-543) wird erwähnt, dass Julien den Marienaltar in die Mitte der ursprünglichen Kirche platziert hatte. Heute noch überragt die Marienkapelle durch ihre hervorgehobene Position und aufwendige Gestaltung die anderen Seitenkapellen und bestätigt eindrucksvoll, dass die Kathedrale ursprünglich Maria gewidmet war. Die weiblich gedeutete Gestalt des Menhir de la Cathédrale, seine Bezeichnung Milchstein und die damit verbundenen Legende deuten hin auf die Kultstätte einer mütterlich roten Erdgöttin. Selbst die rötliche Färbung des Menhirs als Ausdruck des roten Aspekt einer Erdgöttin findet sich in der Farbgestaltung des Deckengewölbes der Marienkapelle wieder. Mit der Gottesmutter Maria konnte Julien den heidnischen Cenomanen einen Ersatz für ihre bis dahin gehuldigte Erdgöttin anbieten und sie damit für das Christentum gewinnen.

Auch dem Erzengel Michael wurde eine prächtige Seitenkapelle gewidmet. Wie Maria thront er auf einem Altar und ist in einen blauen Umhang gehüllt, der jedoch nicht mit Sternen sondern mit goldenen Kreuzen gemustert ist. Die Lanze, die Michael ursprünglich in seiner rechten Hand hielt, ist verloren gegangen. Auf dem Boden unter seinen Füßen liegt der niedergestreckte Drache.

Die Kirchenfenster in der Michaelkapelle stellen Szenen aus der Geschichte des Erzengels dar.

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