Avranches

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Nach einer Überlieferung soll Aubert, Bischof von Avranches, im Traum der Erzengel Michael erschienen sein. Er verlangte von Aubert, ein Heiligtum auf der nahe gelegene Felseninsel in der Bucht zu erbauen. Aubert, der meinte, einer Einbildung zu unterliegen, ignorierte zunächst die Aufforderung des Engels. Daraufhin soll Michael ihm ein Loch in den Schädel gebohrt haben, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Beim Rundgang durch das Kloster auf dem Mont-Saint-Michel kommt man an einem Relief vorbei, auf dem diese Szene dargestellt wird:

Der Schädel Auberts wird heute als Reliquie in der Basilika Saint-Gervais in Avranches aufbewahrt. Grund genug, einen Ausflug dorthin zu unternehmen. Als Ausgangspunkt für einen Besuch von Avranches bietet sich die Burg der Stadt an.

Die Burg von Avranches

Die Burg von Avranches wurde um 950 von „Onfroi Le Dane“ auf den Überresten der alten römischen Stadtmauer erbaut. Auf einem Felsen gelegen, konnte die Festung über die Bucht von Mont-Saint-Michel wachen und war schwer einzunehmen.

Die Stadt verdankt ihren Ursprung und Namen der gallischen Völkerschaft der Abrincatui. Nach der Eroberung durch die Römer war Avranches jahrhundertelang immer wieder umkämpft und wurde in seiner wechselhaften Geschichte besetzt durch fränkische, normannische, englische und französische Königshäuser. Im Laufe der Zeit wuchs die Burganlage durch weitere Einfriedungen und Gräben. Von der mit Zinnen bewehrten Umfassungsmauer aus hat man einen herrlichen Panoramablick auf die Stadt, das Tal der Sée und die Bucht von Mont-Saint-Michel:

Der Jardin Bergevin im Innenhof der Festung wurde 2018 neu gestaltet und aufgeteilt in einen mittelalterlichen Garten im unteren Teil und den „Jardin des Passeurs“ im oberen Teil, in dessen Zentrum die Skulptur „Passeurs“ des Künstlers François Tilly aus dem Jahr 2017 steht. Sie ist aus Cortenstahl angefertigt und wurde im Rahmen des französischen Bioethikgesetzes von 2004 von der Stadt in Auftrag gegeben. Das Gesetz sieht die Schaffung eines Ortes des Gedenkens innerhalb der Krankenhäuser vor, um die Spender von Organ-Transplantationen zu würdigen. Die Stadt und das Krankenhaus von Avranches-Granville hielten es für sinnvoller, diesen Ort im Herzen der Burg zu gestalten, um diesem Thema der öffentlichen Gesundheit mehr Sichtbarkeit zu verleihen.

Die Skulptur „Passeurs“ besteht aus zwei monolithischen abstrakten Figuren, die über ein Windspiel miteinander interagieren. Das symbolische Transplantat wandert mit dem Wind von einem zum anderen, so dass Spender und Empfänger nicht voneinander unterschieden werden können. Francois Tilly sagte dazu: „Ich habe auf dem Begriff des Austauschs zwischen zwei Personen Wert gelegt, die eine wiederkehrende Beziehung haben: Der Spender erhält das Leben des Empfängers aufrecht, der Empfänger setzt durch das Leben mit dem Transplantat in gewisser Weise das Leben des Spenders fort.“

Im unteren Teil des Parks befindet sich das Haus von Albert Bergevin (1887-1974), eines Kunstmalers aus Avranches, dem der Park seinen Namen verdankt. Es wurde 1773 erbaut und beherbergt heute das Denkmalamt der Stadt. Über eine terrassenförmig gestaltete Treppe gelangt man durch den Ausgang der Burganlage auf die „Rue de Geôle“:

Das Scriptorial

Am Ende der gepflasterten mittelalterlichen Gasse erhebt sich ein moderner Betonbau mit hohen fensterlosen Außenwänden, die mit kunstvollen farbigen Initialen und lateinischen Texten wie mit mittelalterlichen Graffitis bemalt sind.

Geht man weiter um das Gebäude herum, kommt man zum Eingang des Scriptorial, ein Museum, das eigens für die alten Schriften und Bücher aus der Bibliothek des Mont-Saint-Michel geschaffen wurde. Mehr als 14.000 Dokumente werden dort konserviert, archiviert, erforscht und zum Teil der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das moderne Bauwerk wurde in die alte Burganlage integriert und im August 2006 eröffnet. Die virtuelle Bibliothek des Mont-Saint-Michel ist täglich rund um die Uhr geöffnet.

Die Basilika Saint-Gervais

Vom Scriptorial läuft man keine zehn Minuten bis zur Basilika Saint-Gervais, wo der Schädel des heiliggesprochenen Bischofs Aubert aufbewahrt wird. Geht man über die „Rue des trois Rois“, blickt man auf den Turm und das Portal der Basilika.

Im Innenraum ist der Erzengel Michael eindrucksvoll mit einer großen freistehenden Skulptur vertreten. Der heiligen Maria ist eine wundervolle Altar-Grotte gewidmet.

Die zwischen 1843 und 1897 im neoklassizistischen Stil erbaute Kirche Saint Gervais wurde 1894 in den Rang einer Basilika erhoben und steht heute unter Denkmalschutz. Ihre besondere Bedeutung besteht in einem einzigartigen Kirchenschatz, der in den Schaukästen der Schatzkammer hinter dem Hauptaltar ausgestellt wird.

Der Schädel des heiligen Aubert, Bischof von Avranches und angebliche Gründer des Klosters Mont-Saint-Michel, ist noch immer eine der wichtigsten vorhandenen Reliquien. Das legendäre Loch befindet sich im rechten Scheitelbein des Schädels. Vom Beginn des 11. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde er in einem Schrein von den Pilgern des Mont-Saint-Michel verehrt. Einmal im Jahr zogen die Mönche mit dem in die Höhe gehaltenen glitzernden Schrein in einer Prozession durch das Watt bis zur Kathedrale Saint-André von Avranches.

Während der Französischen Revolution konnte ein Arzt den Schädel vor der Zerstörung schützen, weil er behauptete, es handele sich um eine medizinische Besonderheit, die man aus wissenschaftlichem Interesse erhalten müsste. Ohne es zu ahnen, lag er damit richtig, denn zwei Jahrhunderte später sollte der Schädel zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen werden. Im Juli 2019 wurde ihm ein Knochen-Fragment von vier Gramm entnommen, mit dem die Universität Lyon und das Isotopenforschungszentrum in Groningen sein Alter bestimmten. Mithilfe der Radiokarbonmethode konnten sie ihn in einen Bereich zwischen 662 und 770 datieren. Bischof Aubert, der gegen 670 geboren und 725 gestorben sein soll, hatte demnach in diesem Zeitraum gelebt, und so sprach aus der Datierung nichts dagegen, dass es sein Schädel gewesen sein könnte.

Der Arzt Pierre-Leon Thillaud, Dozent für Paläopathologie an der Sorbonne in Paris, hatte bereits 1994 den Schädel untersucht, um die Ursache für das Loch herauszufinden. Zunächst begutachtete er nur den Schädel und beschrieb ihn als gut erhalten, von schöner Bernsteinfarbe. Typische Anzeichen, die auf einen Aufenthalt des Schädels im Freien hindeuteten, konnte er nicht finden. Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass er einem Sarkophag oder Sarg entnommen wurde. Der Pathologe kam weiter zu dem Ergebnis, dass es sich um den Schädel eines alten Mannes im Alter von mindestens 60 Jahren handelte, der an seniler Parodontitis litt, einer durch Bakterien unter dem Zahnfleisch verursachten Infektion, die den Knochen zerstörte.

Schließlich überprüfte Thillaud das Loch auf Hypothesen für seine Entstehung. Aufgrund der perfekten Glattheit des konvexen und kompakten Lochrandes, der keinerlei Spuren von Nagetieren aufweist, kamen diese als Verursacher nicht in Frage. Ebenso konnte durch die besondere Ausformung des Randes eine Trepanation zu Lebzeiten Auberts, wie auch nach seinem Tode, ausgeschlossen werden. Die operative Aufbohrung des Schädels, um an das Gehirn zu kommen, war nicht ungewöhnlich für das Mittelalter und wurde bereits vor mehr als 10000 Jahren praktiziert.

Nach Ausschluss aller bisher vermuteten Ursachen blieb Thillaud nur noch eine einzige mögliche Erklärung. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde das Loch durch eine Plattenepithel-Zyste verursacht, die bereits während der Entwicklung des Fötus im Uterus entstanden sein musste.

Dabei handelt es sich um einen gutartigen Tumor, der aus einer inneren und einer äußeren Tasche besteht, die über ein Loch im Schädel miteinander verbunden sind. Eine solche Zyste verursacht einen Verlust an Knochensubstanz, die kreisförmig ist, mit sauberen und verdickten Rändern, sowohl auf der inneren als auch der äußeren Seite des Schädels. Pierre-Leon Thillaud schreibt am Ende seines Berichtes: „Die Zyste gefährdete das Leben des Bischofs nicht, aber sie war zu Lebzeiten in Form einer Beule auf der Kopfhaut sichtbar und könnte mit zunehmenden Alter an Größe gewonnen haben. Die Beule des Bischofs mag die Quelle der wunderbaren Legende gewesen sein, die nach seinem Tod durch die Entdeckung des Loches noch verstärkt wurde.“ (siehe: Le crâne perforé de saint Aubert)

Notre-Dame-des-Champs

Eine weitere Sehenswürdigkeit in Avranches ist die Notre-Dame-de-Champs, zu der man von der Basilika Saint-Gervais ebenfalls keine zehn Minuten läuft. Die ursprüngliche Kirche war von großer Einfachheit und lag, wie ihr Name „Unsere Liebe Frau von den Feldern“ schon sagt, außerhalb der Stadtmauern.

Nachdem die gotische Kathedrale Saint-André von Avranches aus dem Jahr 1025 während der Französischen Revolution (1789 -1799) völlig zerstört worden war, entschieden sich die Bürger 1855 für einen Neubau im neugotischen Stil an die Stelle der einstigen Notre-Dame-des-Champs. Da die Mittel der Stadt und der Pfarrgemeinde nicht ausreichten, beantragte man eine staatliche Unterstützung in Paris, die jedoch erst 1876 gewährt wurde. 1892 wurde der Bau fertiggestellt und die Kirche eingeweiht.

Im Innenraum findet man nicht nur eine vergoldete Statue Marias im Hauptaltar, der die Kirche gewidmet ist, sondern ebenfalls eine imposante Marmor-Skulptur des Erzengels Michael, der mit einer Lanze den Drachen tötet.

Es sieht so aus, als ob Michael und Maria in den Sakralbauten auf der Achse des Lichts immer gemeinsam vertreten sind oder waren, wie auf St. Michael’s Mount, Mont-Saint-Michel und Mont-Dol.

Die Verehrung des Erzengel Michael wurde im frühen Christentum vom heiligen Paulus wegen seiner Bedeutung für das Judentum strikt abgelehnt. Das Konzil von Laodicea im Jahr 360 bezog sich auf Paulus und verbot die Verehrung von Michael ( vgl. Saint Michael the Archangel in Medieval English Legend, S. 31). Eine Hochschätzung Marias im frühen Christentum begann bereits im 2. Jahrhundert. Aber erst als sie 431 durch das Konzil von Ephesus als Gottesgebärerin dogmatisiert wurde, verbreitete sich die Marienverehrung. Zur gleichen Zeit entwickelte sich auch ein Kult um Michael, der im oströmischen Reich seinen Ausgang nahm und sich vom 5. bis zum 7. Jahrhundert bis nach Nordeuropa ausbreitete. Die Verehrung von Maria und Michael intensivierte sich, nachdem das Christentum 391 zur Staatsreligion des römischen Reiches erklärt wurde und die Ausübung paganer Religionen unter Androhung von Todesstrafe verboten wurde.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums wurden noch viele heidnische Gottheiten verehrt: Artemis-Apollon, Diana-Apollo, Kybele-Attis, Demeter-Dionysus und Isis-Osiris, Götter(Geschwister)-Paare aus einer weiblichen und einer männlichen Gottheit, die sich ergänzen und in ihrem Kern die Muttergöttin Erde und den Vatergott Sonne repräsentieren. Und so waren Maria und Michael ein Angebot der Kirchenväter des Christentums an die Menschen jener Zeit, um von den heidnischen Götterpaaren zu den entsprechenden christlichen Surrogaten überzuwechseln.

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